Bezahlbaren Wohnraum schaffen, Teil II - Das Interview

Stadtsoziologen Prof. Dr. Tilman Harlander im Interview zum Thema "Nachhaltige Stadtentwicklung"
Bezahlbaren Wohnraum schaffen
Jahrzehnte lang florierte die Suburbanisierung mit Eigenheim in ländlicher Umgebung. Heute erfahren Städte eine regelrechte „Renaissance“. Um eine sozialen Spaltung in den Städten zu verhindern, fordern Stadtsoziologen wie Prof. Dr. Tilman Harlander mehr bezahlbaren Wohnraum.

Welche Fehler sollten Kommunen im Hinblick auf eine nachhaltige Stadtentwicklung vermeiden?

Harlander: Städte und Politiker haben es in den vergangenen Jahren versäumt, mehr bezahlbaren Wohnraum auch für einkommensschwache und randständige Personengruppen einzuplanen. In dem gemeinsam mit Gerd Kuhn und der Wüstenrot Stiftung herausgegebenen Buch „Soziale Mischung in der Stadt“ untersuchten wir die Herausforderungen, die von den aktuellen Entwicklungen auf den Wohnungsmärkten ausgehen und unsere Chancen, weiterhin an der Tradition und dem Leitbild sozial und nutzungsgemischter Städte festzuhalten. Aktuelle Stellungnahmen der OECD bestätigen das steigende Armutsrisiko in Deutschland. Die zunehmende Kluft zwischen Arm und Reich führt zu einem wachsenden sozialräumlichen „Auseinanderdriften“ der Städte und gefährdet den sozialen Frieden in Kommunen.

Welche Lösungsansätze gibt es, der sozialen Spaltung in den Kernstädten entgegenzutreten?

Harlander: Es wäre vor allem wichtig, Förderquoten für bezahlbare Wohnräume bei der Neuschaffung von Baurecht einzufordern. Außerdem muss in der Kommunalpolitik ein Umdenken stattfinden, um problematische Effekte wie Ghettoisierung, Gentrifizierung oder „Gated Communities“ gering zu halten. Für eine nachhaltige Stadtentwicklung ist es nie gut, wenn sich besserverdienende Gesellschaftsschichten in mehr oder weniger „geschlossenen“ Wohnkomplexen vor dem restlichen Teil der Stadtbevölkerung abschirmen. Gleichzeitig werden immer mehr Arme, Alte und Hartz IV-Empfänger aus den Innenstädten verdrängt.

Jeder Bürger hat laut der Politik das Recht auf Bildung – aber findet der Bürger auch überall entsprechende Bildungsangebote vor?

Harlander: Da sich die Bildungsinfrastruktur wieder vermehrt auf die Kernstadt konzentriert, fehlt den Bevölkerungsschichten im Umland und im ländlichen Raum trotz Internet immer häufiger der Zugang zu Angeboten, die wichtig für die heute geforderte lebenslange Fortbildung und generell für eine gesellschaftliche Teilhabe und Vernetzung sind. Demgegenüber entwickeln sich Städte verstärkt zu gerade für junge „Bildungswanderer“ attraktiven Dienstleistungszentren, in denen Bildung und Wissenstransfer eine wichtige Rolle bei der Generierung von Impulsen und Innovationen spielen. Es ist daher nachvollziehbar und erfolgversprechend, wenn beispielsweise eine (kleine) Großstadt wie Heilbronn aktuell den Wandel zur Wissensstadt vorantreibt.
Welche Maßnahmen können die Kommunen im ländlichen Raum ergreifen, um der anhaltenden Landflucht entgegenzuwirken?

Harlander: Dem dort vorfindlichen Teufelskreis der Abwanderung vor allem jüngerer Job- und Bildungswanderer, der folgenden Vereinseitigung der Sozialstrukturen und Überalterung sowie dem begleitenden und diese Effekte verstärkenden Ladensterben und der Ausdünnung der Infrastruktur ist tatsächlich nur schwer beizukommen. Der ländliche Raum muss sich auf seine Stärken besinnen – einzelne Räume werden Perspektiven als Tourismusregionen, im Bereich der ökologischen Landwirtschaft oder als Standorte regenerativer Energiegewinnung entwickeln. Daneben werden wir auch in Zukunft noch Industriebetriebe haben, die die Standortvorteile des ländlichen Raums wie zum Beispiel die Flächenverfügbarkeit nutzen. Aber grundsätzlich geht es angesichts der massiven Probleme der ländlichen Räume mehr und mehr darum, flexible, bedarfsgerechte Konzepte zu entwickeln, die in diesen Räumen im Bereich der Mobilität und Versorgung wenigstens ein Minimum an Lebensqualität sichern.

Wie sehen diese bedarfsgerechten Konzepte konkret aus – können Sie ein Beispiel nennen?

Harlander:Hierzu gibt es inzwischen zahlreiche nachahmenswerte – zum Teil als sogenannte Bürgergenossenschaften initiierte Modellprojekte. Ehrenamtliche Fahrgemeinschaften, rollende Dienstleistungen aller Art oder Transportangebote könnten dazu beitragen, den Anschluss an die wirtschaftsstarken Ballungsräume herzustellen beziehungsweise die medizinische Grundversorgung vor Ort unterstützen. Zur Unterstützung wirklich armer Bevölkerungsgruppen sind auch im ländlichen Raum Tafelläden und sozialarbeiterische Betreuung zu empfehlen. Auch Baugemeinschaften und Baugenossenschaften könnten sich ebenso wie Mehrgenerationenwohnprojekte als kostengünstige und nachhaltige Ergänzung zum Wohnungsmarkt privater Wohnungsbaugesellschaften etablieren.

Die Fragen stellte Andreas Scholz

Zur Person
Der Stadtsoziologe Professor Tilman Harlander (68) leitete 15 Jahre lang das Fachgebiet Architektur- und Wohnsoziologie am Institut für Wohnen und Entwerfen der Universität Stuttgart und ist nach seiner Emeritierung als Buchautor und Referent aktiv.

Buchtipp
Soziale Mischung in der Stadt – Case Studies – Wohnungspolitik in Europa – Historische Analyse
Tilman Harlander Gerd Kuhn und Wüstenrot Stiftung (Herausgeber), kraemerverlag, Stuttgart, ISBN: 978-3-7828-1539-0

Fotos: Andres Scholz, Bildagentur Zoonar
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