Kairo - Willkommen im Dreck!

Willkommen im Dreck

Eine Reportage von Wojciech Elbich

Kairo ist eine der größten Städte Afrikas und eine pulsierende Metropole voller Gegensätze. Die geschätzten zehn Millionen Einwohner produzieren täglich etwa 15000 Tonnen Abfall, ein funktionierendes öffentliches Entsorgungssystem gibt es nicht. Ausgerechnet hier entstand ein informeller Sektor, der zum Vorbild für andere urbane Regionen werden könnte.
 
Ezzat Naem Guindy zündet sich eine neue Zigarette an seiner Alten an. Der gewichtige Mann mit der lauten Stimme und dem grau meliertem, nach hinten gekämmten Haar lehnt sich zurück. „Damals“ beginnt er, „damals in den Dreißigern war Kairo noch nicht so groß wie heute. Aber es war das Zentrum des Landes und zog viele Menschen aus den ländlichen Regionen an. Mein Großvater kam als landloser Bauer aus Oberägypten hierher.“ Ein schmutziger Junge betritt die Garage und stellt wortlos ein paar Dosen Cola auf den schiefen Plastiktisch. Kaum öffnet er zwei davon, stürzen sich die allgegenwärtigen Fliegen auf das süße Zeug. Auf einmal lässt sich der Durst doch ertragen.
„Christen waren innerhalb der Stadt trotzdem nicht gerne gesehen. Die Kopten blieben an den Rändern und arrangierten sich schnell damit. Damals wurde der Müll noch von den Wahiya, den ersten muslimischen Migranten aus den Oasen eingesammelt. Die organischen Abfälle konnten sie trocknen und den Bäckern und Badehäusern als Brennstoff verkaufen.“

Der Abfall bildet heute die Lebensgrundlage der meisten Menschen hier im Viertel. Wir befinden uns im StadtteilManshyiet Nasr, genauer gesagt in der sogenannten Garbage city. Diese informelle Siedlung ist die Größte von sieben im Großraum Kairo, etwa ein Drittel der insgesamt siebzig tausend Zabbaleen leben und arbeiten hier. Nachdem Öl die organischen Brennstoffe abgelöst hatte, fanden die Wahiya in den Neuankömmlingen dankbare Kunden für eingesammelte Essensreste, als Christen konnten die Zabbaleen damit ihre Schweine füttern. Daher kommt auch ihr Name: Abgeleitet vom arabischen Zarraba (Schweinezüchter) wird der Ausdruck heute für alle Müllsammler in Kairo verwendet. Durch Zusammenarbeit mit den vernetzten und gut organisierten Wahiyabegannen Guindys Vorfahren selbst, Abfall zu sammeln. Sie teilten die Stadt in Reviere auf und sammelten den Müll direkt bei den Bewohnern an der Haustür ein, als Mittelsmänner und Organisatoren verdienten die Wahiyagut und sammelten fortan nicht mehr selbst. Eine bequeme Lösung, die der Stadtverwaltung dennoch ein Dorn im Auge war. Guindy zündet sich erneut eine Zigarette an. „Die Eselskarren der Müllsammler störten den zunehmenden Autoverkehr, die Stadt war mittlerweile so gewachsen, dass die Siedlungen nicht mehr außerhalb lagen. Die neuen Anwohner klagten über den Gestank und die hygienischen Zustände, 1970 wurden die meisten Zabbaleen auf das unbebaute Land hier am Fuße des Mokkatam zwangsumgesiedelt.“

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Einige Tore stehen offen, im Zwielicht schwacher Neonröhren sind Menschen zu erkennen, die in Bergen von Abfall wühlen. „Die Werkstätten zeigt dir mein Mitarbeiter Moussa später.“ kommentiert Guindy meine neugierigen Blicke, wieder findet sich eine frische Zigarette in seinem Mundwinkel. Die Schule zu der er mich führt ist das Herzstück seiner NGO, der Spirit of youth association. Im großen gemeinsamen Klassenraum zieren Zeichnungen die Wände, verschiedene Materialien und Recycling-Methoden werden darauf erklärt.
Menschen auf dem Souq oder Markt in der Altstadtvon Kairo in der Hauptstadt von Aegypten in Nordafrika.
Kinder in einer Platik Abfallgrube in der Innenstadt von Kairo in der Hauptstadt von Aegypten in Nordafrika.
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Höhepunkt einer Ägyptenreise sind die Pyramiden von Giseh.
Die Haupteinnahmequelle der Zabbaleen liegt heute darin, Rohstoffe aus den Abfällen von Haushalten und Handwerk zu gewinnen. In den hunderten kleinen Werkstätten wird der gesammelte Müll sortiert, gewaschen und entweder weiter verarbeitet oder an große Betriebe in den Industriegebieten Kairos verkauft. Dadurch werden Recycling-Quoten von etwa 80% erreicht, ein Spitzenwert der selbst in Europa seines Gleichen sucht.

Die Kehrseite der Medaille: Neben den katastrophalen hygienischen Zuständen sind Kinder und Jugendliche ein fester Bestandteil der elterlichen Betriebe. Hier setzt Guindys NGO an, durch den Schulunterricht sollen die Kinder aus den Arbeitsverhältnis genommen werden, ohne sich ganz davon zu trennen. Auf dem Lehrplan finden sich neben so wichtigen Fächern wie Lesen, Schreiben und Mathematik auch Materialkunde, Umweltschutz und Recycling-Methoden. Das gewonnene Wissen soll so von den Kindern auch auf die häufig ungebildeten Eltern übergehen und so den Familienbetrieben ganzheitlich helfen, effektiver und bewusster zu arbeiten. Ein Belohnungssystem soll die Kinder und die Eltern dazu motivieren, weiter am Unterricht teilzunehmen, so gibt es zum Beispiel für regelmäßiges Erscheinen die Unterrichtsmaterialien gratis, besonders begabten Schülern wird weitergehende Bildung finanziert. Die spirit of youth association ist Guidys Lebenswerk, voller Stolz berichtet er von Großspenden, die er bei der Bill & Melinda-Gates Stiftung oder beim Chemieriesen Procter & Gamble akquirieren konnte.

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Nachdem im Jahr 2009 unter dem Vorwand der Seuchenbekämpfung sämtliche Schweine in Kairo getötet wurden, sahen die Zukunftsperspektiven für die Zabbaleen düster aus. Moussa erinnert sich an die allgemeine Verzweiflung im Viertel, viele Familien verloren über Nacht zwei Drittel ihres ohnehin spärlichen Einkommens. „Die Regierung wollte uns loswerden!“ ist sich Moussa sicher. „Einige Jahre zuvor wurden ausländische Firmen engagiert, die die Abfallentsorgung übernehmen sollten. Aber die Bewohner Kairos waren an uns gewöhnt und wollten nicht die neu aufgestellten und viel zu kleinen Straßen-Container benutzen.“ Der Schuss der Regierung ging nach hinten los, denn ohne die Schweine gab es keinen Grund für die Bewohner von Manshyiet Nasr mehr, auch organische Abfälle einzusammeln. Sie fingen an, bereits in den Wohnvierteln den Haushaltsmüll zu trennen und nur das mit zu nehmen, was für sie von Wert war. Der organische Rest verrottete in den Straßen und fiel in den Verantwortungsbereich der privaten, ausländischen Dienste, die damit heillos überfordert waren.

Inzwischen haben sich drei der größten ausländischen Investoren zurückgezogen und die Rufe nach einer offiziellen Anerkennung der Zabbaleen werden lauter. Moussa teilt dabei Guindys Vision, dass in naher Zukunft seine Freunde und Nachbarn als vollwertige Mitglieder der Kairoer Gesellschaft angesehen werden. Erste Erfolge konnten sie bereits verbuchen: Mit Hilfe der Spirit of youth association konnten bereits 44 Kleinbetriebe formalisiert werden und ihren Mitgliedern zu Legalität und stabilen Arbeitsverhältnissen verhelfen.

Wir treffen Ezzat Naem Guindy in einem Straßencafé wieder, auf die Frage welche Pläne er für die Zukunft hat, antwortet er mit ernstem Gesichtsausdruck: „Wir schaffen legale, sichere und gut bezahlte Arbeit für alleZabbaleen in Kairo, dann exportieren wir unser Modell! Aber zuerst“ - er lacht und zeigt auf die leere Schachtel in seiner Hand - „zuerst brauche ich neue Zigaretten!“

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Text: Wojciech Elbich
Fotos: Wojciech Elbic und Bildagentur Zoonar
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